„Pornografie ist eine treibende Kraft im Internet“

Jakob Pastötter ist einer der führenden Sexualforscher Deutschlands. Für den Wissenschaftler spielt ein Phänomen beim Sex im Netz eine entscheidende Rolle: Pornos.

Jakob Pastötter ist Sexologe, Kulturanthropologe und Therapeut mit einer Sexualberatungspraxis bei München. Als wissenschaftlicher Leiter des Pro7–Sexreports 2008 und mit einer  Sexualberatungskolumne in der Bild am Sonntag wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Foto: privat/Bilderfest

Von Bigna Fink

Wie verändert das Internet unsere Sexualität, Herr Pastötter? 

Auf vielfältige Art und Weise (lacht). Zum einen muss man sich vor Augen halten, dass Sexualität kein homogenes Feld ist. Es besteht aus mindestens drei Teilbereichen: 1. dem Körper, der in erster Linie durch Hormone aktiviert ist, 2. der sensorischen Stimulation des Körpers, und 3. der Identität, also wie ich mich selbst und meine sexuellen Fantasien wahrnehme. Und mit dem Konsum von Pornografie fällt der erste Teil, der durch den körperlichen Kontakt mit einem Partner zustande kommt, weg.

Auf Platz 8 der beliebtesten Webseiten in Deutschland steht Facebook. Fast genauso oft werden offenbar zwei Seiten für sexuellen Live-Chat angeklickt. Sie folgen auf Platz 10 und 12. Welchen Raum nimmt Pornografie im Internet ein?

Pornografie ist ohne Frage die treibende Kraft in der Internetentwicklung. Das ist eine relativ alte Erkenntnis. Die Datenmengen, die allein durch pornografische Videos generiert und abgerufen werden, sind einfach unglaublich. Ich schätze, dass mindestens 50 Prozent des gesamten Internetverkehrs pornografischen Inhalts ist. Eine der großen Pornowebseiten zeigt die aktuelle Anzahl ihrer Clips an: Es sind fast acht Millionen. Vor zehn Jahren waren es vier Millionen. Es explodiert enorm. Ständig kommen völlig neue Stimuli hinzu.

Foto: Jean KOULEV, flickr

Sexualtherapeuten sprechen auch von einer Pornosucht, die manche Leute, hauptsächlich Männer, betrifft. Sehen Sie da auch eine Gefahr?

Ich bin etwas vorsichtig, die Sache Pornosucht zu nennen. Im Prinzip handelt es sich bei Pornografie wie bei allen Medien um eine Form des Eskapismus, der Flucht vor der Wirklichkeit. Das heißt, man gönnt sich etwas. Das Leben bietet relativ wenig, was Sexualität angeht. Und Pornografie ist mit einem Mausklick einfach verfügbar. Das verwundert nicht: In der Realität muss man relativ mühsam nach Sexualität suchen. Bei der Pornografie ist es genau umgekehrt. Da muss man mühsam nach der Realität suchen (lacht). Gelegenheit, Nachfrage und Angebot sind bei der Pornografie genau entgegengesetzt zu dem, was wir im normalen Leben haben. Und seit Längerem gibt es dies auch noch völlig kostenlos. Ich muss also nicht einmal Geld investieren. Wenn ein Gewöhnungseffekt eintritt, kann man aber schon von Sucht sprechen.

Wie wirkt sich der übermäßige Konsum an pornografischen Inhalten im realen Liebesleben aus? 

Die Fülle dessen, was uns im realen Leben nicht anmacht, ist ja groß: Das kann ein falscher Blick sein, die falsche Stimme, die falsche Handlung – bei der Pornografie klicke ich einfach weiter. Dort habe ich sozusagen ein perfektes Konsumgut: Erstens steht es mittlerweile überall und immer zur Verfügung. Zweitens ist es absolut anpassbar an die eigenen sexuellen Bedürfnisse. Beim übermäßigen Konsum von Pornos haben Männer jedoch folgendes Problem: Durch die extrem vielen Ejakulationen ändert sich der Hormonhaushalt. In jüngeren Jahren für kürzere Zeit, später für längere Zeit: Man verliert buchstäblich die Lust. Die Auswirkung auf die reale Lust sehe ich als Hauptproblem im starken Konsum von Pornos.

Können Sie das etwas näher erklären?

Unser Körper ist im Prinzip nichts anderes als ein gigantisches Chemietestlabor, ob ein Partner als Sexualpartner in Frage kommt. Der Körper reagiert über verschiedene sensuelle Wahrnehmungen wie Sehen, Hören, Riechen, Tasten mit einem Partner. Wer Befriedigung vor allem über Pornografie und Masturbation holt, der lädt sich quasi nicht über einen Partner auf, sondern holt sich seine sexuelle Erregung aus sich selbst heraus und über die vorgegebene Fantasie.

Können Sie dem Pornogucken auch etwas Positives abgewinnen? 

Ich sehe die Sache nicht nur negativ. Pornografie hat viele verschiedene Funktionen: etwa eine Identitätsfunktion. Pornografie zeigt mir etwas und regt mich an, mich selbst klarer zu definieren und mir vorzustellen, wer ich eigentlich sexuell bin. Auch hat die Pornografie eine Art Weiterbildungsfunktion. Sie werden automatisch Sexualwissenschaftler, wenn Sie Pornos schauen, weil Sie intellektuell beurteilen, was Sie da sehen. Alfred Kinsey und weitere prägende Sexualforscher im früheren 20. Jahrhundert konnten ihre Studien nur durch Versuchspersonen realisieren, die vor ihren Augen Sex hatten. Sie können das heute einfach per Mausklick erledigen.

Foto: Jan Jablunka, flickr

Aktuellen Forschungen wie der repräsentativen Studie Freizeit-Monitor 2019 zufolge haben die Deutschen deutlich weniger Sex als früher. Spielt das Internet bei dieser zunehmenden Unlust eine Rolle?

Ja. Als Psychologe würde es mich natürlich freuen, wenn die Leute viel Sex hätten. In der Therapie erfahren wir aber immer wieder, dass die Sprachlosigkeit in der Sexualität enorm ist. Das Gefährliche ist, wenn wir uns an den pornografischen Blick aus dem Internet auf Sexualität gewöhnen. Wir gewöhnen uns an, vor allem durch das Sehen Lust zu bekommen, aber nicht durch das Eingehen auf einen Menschen. Wenn Sie mit dem Partner Sex haben, nicht nur wenn Sie das Licht aus haben, sondern auch, weil Sie dem Partner so nah sind, spielen die Augen eine relativ untergeordnete Rolle. Dagegen sind diese sexuellen Live-Chats zum Beispiel, die im Internet derzeit viel besucht werden, eine sehr künstliche Form. Im Prinzip funktionieren Chats ja ähnlich wie Prostitution auch. Man geht irgendwo hin und meldet seine Bedürfnisse an, die dann von jemandem befriedigt werden.

Es ist eine Dienstleistung.

Genau. Aber Dienstleistungen sind in der Regel nicht sonderlich erotisch. Erotik lebt sehr stark vom momentanen Wahrnehmen, von Reaktionen und dem Eingehen auf diese Reaktionen. Das leistet Pornografie eben nicht.

Aber umgekehrt könnte man auch denken, dass sich die Leute durch Online-Dating-Plattformen wie Tinder schneller kennenlernen und es dadurch häufiger zu Sex kommt.

Das Problem ist, dass männliche und weibliche Kommunikationsspielregeln, auch bei Tinder, nicht besonders gut miteinander funktionieren. Das heißt, Männer bieten sich auf eine Art und Weise an, die Frauen nicht anspricht. So landet der 30-Jährige, der bei Tinder eine Frau zum Chatten gesucht hat, doch wieder bei den pornografischen Filmen.

Und was bedeutet das für unsere Jugend?

Es ist eine total bizzare Diskussion, die seit Jahrzehnten darüber geführt wird. Einerseits haben wir klare rechtliche Vorgaben, was den Konsum angeht: Explizite Pornografie ist eigentlich erst ab 18 frei. Wer schon einmal Sex hatte, der weiß wenigstens, wie sich realer Sex davon unterscheidet.

Aber es ist offenbar unglaublich schwierig, solche Seiten zu sperren.

Es ist nicht möglich. Pädophile sind nicht nur im Darknet unterwegs. Wenn Sie sich lange genug durch Pornos durchgeklickt haben, werden Sie früher oder später auch Links finden, wo Sie ohne Probleme auch an Kinderpornografie kommen.

Haben Sie eine Idee, was man dagegen tun kann?

Nein. Wir leben in einem Medienzeitalter. Und jede Form von Zensur ist eigentlich nur Anlass, nach Wegen zu suchen, diese Zensur zu umgehen. Aber ich bin kein Fan davon zu sagen: Wir passen uns der Realität an. Weil wir dann völlig einknicken und sagen würden: Ach, was ist schon dabei, wenn auch die Vierjährigen auf dem Handy Pornos sehen.

Arjan, flickr

Ähnlich wie bei Zigaretten, Alkohol und anderen Suchtmitteln sollte man beständig und klar zu vermitteln versuchen: Der Konsum ist problematisch. Wenn ihr konsumiert, dann bitte erst bei Volljährigkeit. Das Erstaunliche ist ja: Es ist relativ gut gelungen, dass immer weniger Jugendliche rauchen. Aber bei der Pornografie fühlen wir uns anscheinend so überfordert von dem Thema, dass wir als Gesellschaft keinen klaren Standpunkt einnehmen wollen.

Das Phänomen der Internetpornografie ist ja auch viel neuer als das des Rauchens. 

Ja. Es wird meiner Erfahrung nach auch noch viele Jahrzehnte dauern, bis die Forschung klargemacht hat, dass Pornografiekonsum Auswirkungen auf die körperliche Funktionsfähigkeit hat. Wir Therapeuten wissen das. Weil es die Leute sind, die dann zu uns kommen. Sie werden durch nichts mehr erregt.

Fernab der Pornografie: Sehen Sie auch Positives zum Thema Sexualität und Internet? Zum Beispiel bietet doch das Internet vor allem für ältere Singles ganz neue Chancen. Sie können viel einfacher als früher neue Liebespartner finden.

Absolut. Es ist sehr schwer für jeden, der aus dem Rahmen fällt, einen passenden Partner zu finden. Und für diese Menschen ist es natürlich wunderbar, sich über das Internet zu vernetzen. Auch ich als Sexualforscher bin ein großer Fan der neuen Kontaktmöglichkeiten.

Was können Sie uns mit auf den Weg geben?

Die reale Liebe, das Zeitnehmen füreinander, ist vielmehr das, was uns Menschen gut tut. Nämlich den Körper des Partners und den eigenen Körper als wertvoll und befriedigend zu erleben. Pornografie ist wie Instantsuppe und Fertigpizza. Und Jugendliche wie Erwachsene sollten lernen, viel Freude an einer selbstgemachten, guten Mahlzeit zu haben.

Zur Person:

Jakob Pastötter ist Kulturanthropologe und Sexologe. Seit 2006 leitet er als Präsident die Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS).  Der 54-Jährige hat eine Sexualberatungspraxis bei München. Per Whatsapp-Anruf war er während seinem Forschungs- und Lehraufenthalt in Vietnam für ein Interview gut erreichbar. „Es gibt in Vietnam bisher keine Sexualerziehung. Ich forsche dazu, was die Ressourcen sind, aus denen hier Sexualwissen erwächst“, erzählt Pastötter. „Vor 20 Jahren hatte ich schon einmal dazu für ein Länderkapitel in der International Encyclopedia of Sexuality dazu geforscht. Diesen Artikel hat ein vietnamesischer Sexologe entdeckt und mich daraufhin in sein Land eingeladen.“

Der Sexualpädagoge

Der Sexualpädagoge

Zum Artikel

Die Schülerin

Die Schülerin

Zum Artikel

Die Biolehrerin

Die Biolehrerin

Zum Artikel

Der Kriminal- hauptkommissar

Der Kriminal- hauptkommissar

Zum Artikel

Die Sexshopverkäuferin

Die Sexshopverkäuferin

Zum Artikel

Die Heilpraktikerin

Die Heilpraktikerin

Zum Artikel

Der Sexologe

Der Sexologe

Zum Artikel

Die Sexarbeiterinnen

Die Sexarbeiterinnen

Zum Artikel