„Pornokonsum kann eine echte Sucht werden“

In der Region Heilbronn finden sich wenige Angebote an expliziten Sexualtherapien. Eines davon ist das von Anja Krüger. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Sexualtherapie lädt in ihre Praxis im Leingartener Industriegebiet. Grasgrün dominiert die moderne Inneneinrichtung, es gibt Wasser, Kaffee und Kekse.

Von Bigna Fink

Fachleute für Sexualtherapie sind in der Region eine Seltenheit – Anja Krüger in Leingarten ist auf Patienten mit sexuellen Problemen spezialisiert. Foto: privat

Zahl der Pornosüchtigen steigt

Schnell kommt die 55-Jährige beim Thema Internet auf das „relativ neue Phänomen Pornosucht“ zu sprechen. Die Abhängigkeit behandelt sie in ihrer Praxis verstärkt. „Der Konsum an Pornos nimmt immer mehr zu, während reale Sexualkontakte abnehmen. In den letzten zehn, 15 Jahren ist die Zahl der Pornosüchtigen stark angestiegen.“ Der Grund ist laut Krüger einfach: Die Technik hat sich weiterentwickelt. „Der nächste Schritt war das Smartphone und somit die Pornos auf den Handys der Jugendlichen.“ Doch wann liegt eine echte Sucht vor?: „Wenn ich zwanghaft extrem viel konsumieren muss und wenn ich mich danach schlecht fühle.“

Die Leingartener Heilpraktikerin differenziert jedoch: „Natürlich können viele Jugendliche die Pornografie vom richtigen Sex filtern.“ Und nicht jeder Mensch sei suchtanfällig. „Pornos können auch positive Anregungen, eine Bereicherung für die Partnerschaft sein.“ Softpornos beispielsweise.

Ähnlich wie der Sexologe Jakob Pastötter sieht Anja Krüger die chemischen Veränderungen durch eine Pornosucht: Der Körper reagiere beim Sex ohne Partner anders. „Das Bindungshormon Oxytocin wird nicht ausgeschüttet.“ Bei exzessivem Konsum verlernten wir eine Beziehung aufzubauen und zu halten. „Bei einer Zuckersucht ist mein Insulinspiegel gestört. Bei einer Pornosucht ist mein Hormonhaushalt gestört.“ Die Häufigkeit und Menge, die bei der Pornosucht konsumiert werden, sei eine sehr künstliche: „Immer wieder neue Frauen, neue Dinge – dafür ist unser Gehirn nicht gemacht.“ Als Schutzmechanismus reduziert der Körper die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin. „Und dann ist mein ganzes Leben plötzlich grau.“ Der Mensch, meist der Mann, komme in einen Teufelskreis, brauche immer heftigere Reize.

Frauen fühlten sich mehr zu Geschichten als zu Pornos hingezogen. Als Beispiel nennt die Heilpraktikerin den gehypten Erotik-Roman „Fifty Shades of Grey“. „Sie lesen etwas, haben ein Kopfkino und spielen mit ihrer Fantasie.“ Aber natürlich gebe es auch Frauen, die auf Pornos abfahren. 

Foto: Zia deda, flickr

Tipps aus der Therapie

Für Betroffene weiß Anja Krüger einige Verhaltenstipps, die bei Patienten geholfen haben: „Grenzen Sie Versuchungen ein. Die Bibliothek an Sexfilmen auf dem Notebook sollte weg.“ Und: „Lernen Sie etwas für Ihren Partner, zum Beispiel Massieren.“ Ganz wichtig sei, sich neue Felder zu suchen, die Spaß machen, nach Möglichkeit gemeinsam mit dem Partner. Aber: „Man muss das Loskommen von der Sucht auch wirklich wollen.“ Sehr häufig würden die Männer von der Partnerin zu einer Therapie geschickt. „Das macht dann auch keinen Sinn.“

Kinder über die Gefahren von Pornografie aufzuklären, sei besonders wichtig, betont Krüger. Eltern sollten den Heranwachsenden klar machen, dass der Pornokonsum „eine echte Sucht werden kann“. Eigentlich sollte auch im Unterricht behandelt werden, was mit einer Pornoabhängigkeit passieren kann. „Am besten wäre es, ganz sachlich über das Phänomen aufzuklären, wie über Magersucht.“

Die Stärken des Netzes

Gegen Ende des Gesprächs lenkt Anja Krüger den Blick weg von der Pornosucht. Das Netz ermögliche unserer Sexualität auch viele Positives, etwa die Online-Partnersuche. „Ich kenne einige Leute, die ihre Liebe über das Internet gefunden haben.“ Menschen könnten außerdem online viel freier als früher über ihre sexuellen Neigungen reden. Und nicht zuletzt: „Information ist der Hauptvorteil des Internets.“ Es gebe sehr viele gute Plattformen, auf denen sich die Menschen austauschen und sich über Krankheiten oder Jugendliche über Sexualität informieren können. „Auf welche Weise wir das Internet nutzen, das ist immer entscheidend.“

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