Was das Internet mit unserer Sexualität macht

Foto: Marco Verch (trendingtopics), flickr

Online-Dating, Cybersex, Pornos: Verändert sich das Sexualleben der Menschen durch die Digitalisierung und wenn ja, wie? Was macht das Internet mit unserer Leidenschaft?

Von Bigna Fink

Stichhaltige Fakten über das Sexualverhalten in der Gesellschaft herauszufinden, ist kaum möglich. Es gibt Untersuchungen wie die repräsentative Studie Freizeit-Monitor 2019, aus der hervorgeht: Die Deutschen haben offenbar immer weniger Sex. Ein Grund davon ist für die Macher der Umfrage, dass das Smartphone unsere Freizeitaktivitäten dominiert. Doch Studien über das menschliche Sexualverhalten seien stets voller Fehlerquellen, sagt Jakob Pastötter, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS). Denn noch immer liegt es in der Natur dieses Grundbedürfnisses, dass selten gerne offen und ehrlich darüber gesprochen wird. Die Angelegenheit bleibt intim.

Einblicke aus acht Perspektiven Deshalb kommen hier Menschen mit zum Teil ganz unterschiedlichen Perspektiven zu dem Thema „Sexualität und Internet“ zu Wort. Die meisten der Befragten, außer etwa dem Sexualforscher Jakob Pastötter, sind in der Region Heilbronn tätig.

Über den Bereich der Jugendlichen und deren interneterprobter Sexualität sagen aus: Ein Kriminalhauptkommissar, eine Biolehrerin, eine 18-jährigen Schülerin und ein Sexualpädagoge. Die digitale und analoge Sexualität der Erwachsenen beleuchten: Eine Sexshop-Verkäuferin, ein Sexologe, eine Heilpraktikerin für Sexualtherapie, sowie Sexarbeiterinnen und die Betreiberin einer Terminwohnung. Die Zugänge zu den einzelnen Geschichten beziehungsweise Aussagen der Befragten finden Sie auch unten auf der Seite in den Kästchen.

Nacktfotos auf den Handys der Kinder Verroht die Sexualität der Jugend durch das Internet? Die Frage wird seit Beginn der digitalen Welt sorgenvoll und hilflos zugleich diskutiert. Benötigte es in den 1990er Jahren noch meist den Schritt in die Videothek mit Alterskontrolle, sind wir heute nur einen Mausklick von Millionen an Pornos entfernt. Kostenlos und frei zugänglich, selbst für die Kleinsten. Doch so omnipräsent diese Sexfilmchen – von harmlos bis hart – sind: Pornografie ist in unserer Gesellschaft auch im 21. Jahrhundert oft noch ein Tabuthema.

Foto: Esther Vargas, flickr

Welche Gefahr geht von Pornos für die Heranwachsenden aus? In einer repräsentativen Befragung der Universitäten Hohenheim und Münster gaben 2017 der befragten Jugendlichen an: Ein Drittel der 14- bis 15-Jährigen haben schon Hardcore-Pornografie gesehen. Etwa die Hälfte dieser Online-Funde kommt ungewollt zustande.

Der Heilbronner Sexualpädagoge Andreas Baur von der Beratungsstelle Pro Familia rät deshalb zu einer frühen Aufklärung der Kinder. In den Kursen der Beratungsstelle geben laut Baur bis zur Hälfte der Mädchen an, schon einmal ungewollt Nacktfotos erhalten haben. Das Sexting, das private Chatten über sexuelle Themen, kann dabei schwerwiegende Folgen haben. So kommt es mitunter vor, dass das Nackt-Selfie einer Jugendlichen vom Ex-Freund im Klassenchat geteilt wird. Beispielsweise passierte dies 2018 einem 14-jährigen Mädchen in Hohenlohe (siehe Stimmt.de-Artikel „Sex im Netz: Wie Nacktbilder das Leben verändern können“ von Heike Kinkopf). Auch Hauptkriminalkommissar Dieter Ackermann vom Haus des Jugendrechts in Heilbronn weiß einiges über das Versenden von pornografischen Inhalten bei jungen Menschen zu erzählen. Immer jünger seien die Mädchen, deren Eltern Anzeige gegen jugendliche und junge erwachsene Männer erstatten. Die jungen Männer machen sich durch ihren digitalen Umgang mit privaten Nacktfotos der Mädchen strafbar. Aus der Perspektive der Schülerin berichtet die 18-jährige Kristina aus Heilbronn. Sie meint, dass Jugendliche sehr wohl zwischen Pornografie und realem Sex unterscheiden können.

Statue im Metropolitan Museum of Art, New York. Foto: TOBAKHOPPER, flickr

Pornografie ist in Deutschland sehr beliebt Im Netz gibt es eine unfassbare Menge an pornografischen Inhalten. Laut des Sexualwissenschaftlers Jakob Pastötter machen sie mehr als 50 Prozent der Internetdaten aus. Deutschland ist – oder war zumindest 2013 – Weltmeister im Pornogucken: Der Guardian hatte damals im Juli die Anzahl an Klicks auf pornografische Webseiten messen lassen. Pornografie machte zu der Zeit in Deutschland immerhin 12,5 Prozent aller Webseitenaufrufe aus. Laut Erhebungen des Portals Pornhub steht Deutschland in puncto Pornokonsum im Verhältnis zur Bevölkerung auf Rang Sieben weltweit (2018).

Auch die beliebtesten Internetportale hierzulande geben Aufschluss: Den zehnten Platz der meistgeklickten Webseite in Deutschland belegt aktuell eine Seite für sexuellen Live-Chat. Das Portal wird offenbar fast so häufig wie Facebook (8. Platz) und öfters wie der beliebte Streamingdienst Netflix (11. Platz) angeklickt. Vier der beliebtesten 25 Webseiten in Deutschland sind pornografische. Die Rangfolge stammt von Alexa Statistics, einer Analyseseite für Datenverkehr.

Hierzu belegen Statistiken, was jeder Mensch wohl ahnt: Deutlich mehr Männer konsumieren Schmuddelfilme als Frauen. Das Portal Pornhub etwa analysiert jährlich seine Nutzer: 2018 waren davon 76 Prozent männlich und 24 Prozent weiblich.

Von einer steigenden Zahl an Pornosüchtigen, Menschen mit exzessivem Pornokonsum, spricht die Leingartenerin Anja Krüger, eine Heilpraktikerin für Sexualtherapie. Sie ist überzeugt: Viel Pornokonsum erzeugt Unlust am realen Sex. Auch der Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter stimmt dem zu. Beide sehen aber nicht nur Negatives im Anschauen dieser Internetvideos.

Der Sexualpädagoge

Früh mit den Kindern über Sexualität sprechen

Der Sexualpädagoge

Sexuelle Aufklärung heißt heute auch, das Internet kompetent nutzen zu können, wird im Gespräch mit dem Heilbronner Sexualpädagogen Andreas Baur deutlich.

Zum Artikel

Die Schülerin

Jugendliche und Sex im Internet

Die Schülerin

Sex im Internet – die Perspektive einer 18-Jährigen.

Zum Artikel

Die Biolehrerin

Verändert das Internet die Sexualkunde?

Die Biolehrerin

Monika Scherer bringt Fünft- und Siebtklässlern im Heilbronner Mönchsee-Gymnasium Sexualkunde bei. Krasse Fragen, die das Internet anstößt, wie: „Frau Scherer, was ist Gangbang?“ werden ihr selten gestellt.

Zum Artikel

Der Kriminal- hauptkommissar

Wenn Elfjährige schon auf Sex im Internet treffen

Der Kriminal- hauptkommissar

Eine Frage an Dieter Ackermann, Kriminalhauptkommissar in Heilbronn: Wie schaden sich Jugendliche im Internet durch sexuelle Inhalte?

Zum Artikel

Die Sexshopverkäuferin

In einem analogen Sexshop

Die Sexshopverkäuferin

Heilbronns einziger Sexshop hat noch DVDs.

Zum Artikel

Die Heilpraktikerin

In einer Praxis für Sexualtherapie

Die Heilpraktikerin

Pornokonsum kann eine echte Sucht werden

Zum Artikel

Der Sexologe

Pornografie ist treibende Kraft im Internet

Der Sexologe

Jakob Pastötter ist Sexualforscher und seit 2006 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS).

Zum Artikel

Die Sexarbeiterinnen

Terminwohnung

Die Sexarbeiterinnen

Zu Besuch in einer Heilbronner Terminwohnung.

Zum Artikel

Tipps für weiterführende Informationen:

Netzstoff:

  • www.klicksafe.de – EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz. Für Schüler, Eltern und Lehrer;
  • www.handysektor.de – zum Thema Sexting, Cybermobbing und den klugen Umgang mit dem Smartphone. Anlaufstelle für Jugendliche und ihren digitalen Medienalltag;
  • OMGyes.com – kostenpflichtige Webseite über die Wissenschaft der weiblichen Lust

Lesestoff

  • Cyberpsychologie: Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert. Von Catarina Katzer, 2016, Deutscher Taschenbuch Verlag
  • „Generation Porno? Jetzt entscheide ich!“. Wie wir Mädchen fit machen für den Umgang mit Pornografie und Sexting. Von Eva Borries, 2014, Tv diskurs, 67 (1), 24-27.
  • Scharfstellung: Die neue sexuelle Revolution – Eine Sexualtherapeutin spricht Klartext. Von Heike Melzer, 2018, Klett-Cotta
  • Macht Porno glücklich? – Eine empirische Studie zu Nutzung und Ethik von Pornografie im Internet (2018), Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart
  • Sexus. Von Henry Miller. Roman. Rowohlt, 2002 (1949 EA)
  • Dr. Sex. Von T.C. Boyle. Roman. Hanser, 2005
  • Feuchtgebiete. Von Charlotte Roche. Roman. Dumont, 2013 (2008 EA)
  • Scharfe Stellen. Von Katinka & Fritz Eycken (Hrsg.). Erotische Textpassagen aus der Weltliteratur. Zweitausendeins, 2010

Filmstoff

  • Fikkefuchs von Jan Henrik Stahlberg. Komödie, Deutschland 2017, 100 Min, FSK ab 16
  • Der Prozess der Lady ChatterleyOrgasmus und Klassenkampf in einem englischen Garten. Dokumentation, Frankreich 2019, Arte, 53 Min
zurück zur Übersicht